Wo die Ruwer den Ton angibt

Wo die Ruwer den Ton angibt  An der Ruwer entsteht Wein unter anspruchsvollen Bedingungen - (c) Carola Faber

Steile Hänge, grauer Schiefer und ein Fluss, der dem Weinbau seinen eigenen Rhythmus vorgibt: An der Ruwer entsteht Wein unter anspruchsvollen Bedingungen. Genau das macht für die Familie Weis den Reiz aus. In ihrem Weingut Erben von Beulwitz in Kasel geht es um Riesling, um Herkunft – und um die Frage, wie sich Tradition mit einem zeitgemäßen Verständnis von Weinbau verbinden lässt.

Eine Geschichte, die weit zurückreicht
Die Geschichte des Weinguts reicht weit zurück. Seine Ursprünge werden im Trier des 18. Jahrhunderts vermutet, mit Ludwig Karl Gottbill als möglichem Begründer. Spätestens im 19. Jahrhundert hatten die Weine aus Kasel auch über die Region hinaus einen Namen: 1867 wurde das Weingut auf der Pariser Weltausstellung ausgezeichnet. Der Name Erben von Beulwitz erzählt seinerseits von familiären Verbindungen und wechselnden Generationen, die das Gut über die Jahrhunderte geprägt haben.

Ein neues Kapitel begann 1982, als Herbert Weis das Weingut übernahm. Er kam aus dem elterlichen Hotelbetrieb, brachte aber vor allem eines mit: eine enge Verbundenheit mit dem Ruwerwein. Gemeinsam mit seiner Frau Mechthild entwickelte er den Betrieb weiter und rückte den Weinbau zunehmend in den Mittelpunkt. Heute steht die nächste Generation bereit. Betriebsleiter Philipp Steffes arbeitet eng mit Herbert Weis zusammen und bringt neue Perspektiven in Weinberge und Keller. Unterstützt wird der Familienbetrieb von Caroline und Charlotte Weis.

Steillage bedeutet Handarbeit
Die Wurzeln des Weinguts liegen vor allem im Schiefer. Die Weinberge mit Neigungen von bis zu 60 Prozent verlangen viel Handarbeit. Wo Maschinen an ihre Grenzen kommen, zählen Erfahrung, Ausdauer und ein gutes Gespür für den richtigen Moment. Für die Familie Weis ist diese aufwendige Bewirtschaftung kein notwendiges Übel, sondern Teil des Selbstverständnisses. Die Arbeit im Weinberg soll sichtbar und später auch im Glas erlebbar bleiben.

Besonders der Riesling profitiert von den Bedingungen an der Ruwer. Tief reichende Reben treffen auf devonischen Schiefer, kühle Morgen und warme Tage. Daraus entstehen Weine, die weniger durch Kraft als durch Klarheit, Mineralität und Spannung überzeugen. Die unterschiedlichen Lagen werden möglichst eigenständig interpretiert – jede mit ihrem eigenen Charakter, statt sie auf einen einheitlichen Stil zu bringen.

Herkunft im Glas und Verantwortung im Weinberg
Auch im Keller setzt das Weingut auf einen möglichst natürlichen Weg. Die Rieslinge vergären vollständig spontan und ohne Zusatz von Feinhefen. Der Anspruch: nicht möglichst viel Einfluss auszuüben, sondern die Herkunft so präzise wie möglich zur Geltung zu bringen.

Nachhaltigkeit gehört dabei längst zum Alltag. Als FAIR’N GREEN-zertifizierter Betrieb setzt das Weingut auf einen bewussten Umgang mit Ressourcen, Biodiversität und naturnahe Bewirtschaftung. Es geht um Entscheidungen, die nicht nur für den nächsten Jahrgang, sondern für die Zukunft der Weinberge getroffen werden.

Verbunden ist das Weingut zudem mit dem Ring Mosel 1899 e.V., einem Netzwerk traditionsreicher Winzer. Herbert Weis steht dem Verein als Vorsitzender vor. Der Austausch innerhalb der Gemeinschaft ist zugleich ein Bekenntnis zur besonderen Kulturlandschaft von Mosel und Ruwer.

Am Ende bleibt der Wein der wichtigste Erzähler. Er erzählt von steilen Schieferhängen, alten Reben, vielen Stunden Handarbeit – und von Menschen, die ihre Region nicht nur bewirtschaften, sondern bewahren und weiterentwickeln wollen. Genau darin liegt die Idee von Erben von Beulwitz: Herkunft ist keine bloße Geschichte. Sie ist eine Aufgabe für jede neue Generation.

Hervorragende Rieslinge
Wer die Weine von Erben von Beulwitz probiert, begegnet der Ruwer in vielen unterschiedlichen Facetten. Mal zeigt sich der Riesling geradlinig und mineralisch, mal fruchtbetont und verspielt, mal tiefgründig und mit großer Ruhe. Was die Kollektion verbindet, ist die klare Handschrift der Herkunft: Steillagen, Schieferböden und ein Weinbau, der dem Charakter der einzelnen Parzellen Raum lässt.

Der von Beulwitz Riesling 2025 bildet einen unkomplizierten, aber keineswegs beliebigen Auftakt. Reifer Apfel und Mirabelle treffen auf feine Säure und eine herbe Mineralität. Ein Gutsriesling, der zeigt, dass ein Wein für jeden Tag durchaus Profil besitzen kann.

Im Kaseler Nies’chen wird es feiner und differenzierter. Der Riesling Kabinett 2025 verbindet Aromen heimischer Obstgärten mit Passionsfrucht, Litschee und Orange. Seine lebhafte Säure sorgt dafür, dass die fein dosierte Restsüße leicht und ausgewogen wirkt. Der „Im Steingarten“ Riesling 2025 schlägt eine andere Richtung ein: Hier treffen dezente exotische Nuancen auf heimisches Steinobst. Saftigkeit und eine reichhaltige Textur werden von einer zunehmend straffen Mineralik begleitet, die dem Wein im langen Finale Spannung verleiht. Auch der Jahrgang 2023 steht für die charakteristische Verbindung von Lage, Schiefer und Riesling und zeigt, wie unterschiedlich sich ein Wein aus derselben Parzelle über die Jahre entwickeln kann.

Der Mertesdorfer Herrenberg setzt mit seinem Jahrgang 2021 einen kühleren Akzent. Grünes Obst, Zitrone und eine steinige Mineralik prägen den Eindruck. Am Gaumen sorgen straffe Säure, grüne Frucht und eine leicht rauchige Nuance für einen Riesling mit Biss und bemerkenswerter Frische.

Noch mehr Tiefe bringen die Weine aus alten Reben mit. Der fruchtige Kabinett aus dem Kaseler Nies’chen verbindet die Konzentration alter Rebstöcke mit der kühlen, mineralischen Stilistik der Ruwer. Die Spätlese „Alte Reben“ aus 2025 spielt dagegen ihre ganze aromatische Seite aus: Pfirsich und Aprikose treffen auf feine Exotik, rassige Säure und eine kühle Mineralität. Trotz seiner Süße bleibt der Wein dadurch erstaunlich lebendig.

Enormes Alterungspotenzial
In der Spitze der Kollektion stehen die Großen Gewächse. Der „Im Taubenberg“ Riesling 2025 verbindet Zitrusfrucht und heimisches Steinobst mit einer satten Textur, salziger Mineralität und feiner Kräuterwürze. Der Wein wirkt konzentriert, ohne opulent zu werden, und lässt dabei der Herkunft den Vortritt. Die Jahrgänge 2023 und 2021 zeigen denselben Lagencharakter aus unterschiedlichen Perspektiven und machen zugleich deutlich, wie sehr Jahrgang und Reife den Ausdruck eines Rieslings verändern können.

Auch der Mertesdorfer Herrenberg ist als Großes Gewächs vertreten. Hier steht die kühle, präzise Seite des Rieslings im Vordergrund: Steillage und Schiefer sorgen für Struktur, Spannung und eine mineralische Grundierung. Ergänzt wird die Kollektion durch das Große Gewächs „Auf den Mauern“ aus dem Jahr 2021, das ebenfalls für die konsequente Auseinandersetzung mit einzelnen Lagen steht.

So entsteht über die gesamte Kollektion hinweg ein facettenreiches Bild des Ruwer-Rieslings. Die Weine wollen nicht möglichst laut sein. Ihre Stärke liegt vielmehr in der Balance aus Frucht und Mineralität, aus Frische und Tiefe, aus Handwerk und dem, was der jeweilige Weinberg vorgibt. Gerade darin liegt ihre Persönlichkeit: Jeder Wein erzählt ein Stück Ruwer – und jede Lage ein eigenes Kapitel.

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Über den Autor*Innen

Carola Faber

Carola Faber

Seit mehr als 30 Jahren ist Carola Faber als freie Journalistin sowie Fotografin für verschiedene landesweite Printtitel und renommierte Online-Magazine aktiv. 2010 erhielt sie einen Fotopreis der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung. Außerdem hat sie bei der Hannoverschen Allgemeinen an der Serie "Mein Ausflug" mitgewirkt, der den European Newspaper Award erhielt. Seit 2013 erhielt sie im Rahmen der ITB beim Journalistenpreis Irland regelmäßig einen Platz unter den TOP 10. In Spanien wurde sie mit dem Internationalen Medienpreis der Costa Brava “Counties G! Awards” ausgezeichnet.