Es ist unverkennbar, die Habsburger haben die Architektur der Stadt geprägt wie sonst niemand. Nicht umsonst heißt es über Triest: „Wie Wien, aber am Meer“. Die Palazzi sind groß und strahlend weiß, wie am Wiener Ring und auch die Kaffeehäuser atmen den Spirit Wiens. Triest war der größte Seehafen des österreichischen Kaiserreichs und ein bedeutendes Wirtschafts- und Handelszentrum. Um 1900 sollen hier bis zu 10 000 Schiffe jährlich Waren aus aller Herren Länder abgeladen haben, darunter auch das wichtige Handelsgut, das die Stadt bis heute berühmt macht: Kaffee. Aber Triest ist auch seit jeher Grenzstadt und ein Schmelztiegel der Kulturen: Österreicher, Italiener, Ungarn, Slowenen, Franzosen und Griechen – alle hinterließen sie ihre Spuren.
Kaffeehauptstadt Italiens
Die Italiener trinken hier angeblich noch mehr Kaffee als in jeder anderen italienischen Stadt. „Un nero“ bestellen sie morgens, mittags und abends in der Bar, einen Espresso für den schnellen Energiekick. Wer nicht sofort als Tourist auffallen möchte, bestellt am besten ebenfalls „un nero“. Im altehrwürdigen, bereits1839 eröffneten, Caffè degli Specchi, schieben die Kellner wie am Laufband die kleinen Tassen auf die Theke, oft noch begleitet von einem kleinen Glas Schokolade oder Wasser. „Al banco“, also an der Theke, im Stehen eingenommen, zahlen Einheimische und Touristen dafür gerade mal einen Euro. Wer sich an einem Tisch niederlässt, wird mit österreichischen Mehlspeisen und feiner italienischer Küche bewirtet. In diesem Traditionscafé trafen sich einst Literaten wie Italo Svevo und James Joyce. Wieso Joyce? Er brachte den Triestern damals Englisch bei. Noch wienerischer ist das Flair im Gran Caffè San Marco mit seiner etwas angestaubten Jugendstileinrichtung und der angeschlossenen Buchhandlung. Sie lädt zum Schmökern ein, bei Kaffee und Apfelstrudel kann man hier Stunden verbringen. Wer bis abends bleibt wird staunen, dann wandelt sich das Café und wird zum stilvollen Dinner-Restaurant. Eine weitere Institution in der Triester Kaffeelandschaft ist das Illy. Modern und mit Blick auf den Hafen präsentiert sich das Flagship-Lokal des Triester Kaffeeimperiums. Dessen Gründer, Francesco Illy steht exemplarisch für die kulturelle Vielfalt der Stadt. Er wurde 1892 als Fenrenc Illy in Temesvàr, in Ungarn geboren, erfand einen Vorläufer der modernen Espressomaschine und entwickelte ein Verfahren, Kaffee unter Überdruck in Dosen zu verpacken. Illy sei Dank strömt uns heute ein wunderbares Aroma entgegen, wenn wir eine Kaffeepackung- oder Dose öffnen. Die dritte Generation führt heute das bekannte Familienunternehmen und hat das Designcafé eingerichtet. Einen Cappuccion aus einer der berühmten Illy-Tassen, die auch als Kronleuchter von der Decke baumeln sollte man sich auf jeden Fall gönnen, zumal sich auch der Blick auf Hafen und „Canale Grande“ aus den großen Fenstern lohnt.
Piazze und Palazzi
Das Herz der Stadt ist die „Piazza del Unità, Europas größter zum Meer hin geöffneter Platz, zwei Fußballfelder groß. Wo gibt es sonst noch eine Piazza dieser Dimension? Auf jeden Fall in keiner anderen italienischen Stadt außer vielleicht in Rom. Auch das Rathaus beeindruckt mit Größe und üppigen Verzierungen, ein Paradebeispiel für den eklektischen Stil der Triester Palazzi, dominiert es den Platz. Obwohl so nah an Venedig könnte die Architektur nicht unterschiedlicher sein. Eines haben die beiden Städte aber doch gemeinsam: einen Canal Grande. In Triest schaukeln keine Gondeln auf dem um die Mitte des 18. Jahrhunderts gebauten Kanal, sondern höchstens ein paar Segelboote. Früher erlaubte er Handelsschiffen bis ins Zentrum der Stadt zu fahren, um ihre Waren abzuladen. Heute ist er von Cafés und Bars gesäumt. Schon frühmorgens besetzen die Triester die Stühle am Ufer, selbst wenn die kalte Bora bläst, verzichten sie nicht auf einen Caffè, einen Apero oder einen abendlichen Drink an ihrem Canal Grande. Gesäumt wird die innerstädtische Wasserstraße von verschiedenen Palazzi. Ein besonderes Prunkstück ist der Palazzo Gopcevic, der nicht nur durch seine Fassade auffällt, sondern auch ein Theater-Museum und wechselnde Ausstellungen beherbergt. Eingeweihte entdecken vielleicht noch eine Gemeinsamkeit mit der Lagunenstadt: „Harrys Bar“. Hier trifft man sich direkt an der großen Piazza, wie im venezianischen Stammhaus, zu einem Bellini. Nobel, wie am Ursprungsort, ist Harrys Bar nicht nur Bar, sondern auch Restaurant und Teil des historischen Grand Hotels „Duchi d’Aosta“. Arrigo Cipriani persönlich, Sohne des Gründers von Harrys Bar in Venedig, eröffnet das Restaurant 1972. Der Bellini ist also hier genauso original wie in der Lagunenstadt.
Kulinarische Vielfalt
Trattorien Osterien, Pizzerien – die gibt es auch, aber typisch für Triest sind die „Buffets“, von denen jedes seinen eigenen Stil pflegt. Die Buffets sind keine Selbstbedienungsläden, wie der Name vielleicht vermuten lässt, sondern einfache Lokale mit einer langen Tradition. Sie geht auf die auf Zeit zurück, als tausende hungriger Hafenarbeiter zu verköstigen waren, die rund um die Uhr schufteten und, egal zu welcher Uhrzeit, eine kräftige Mahlzeit brauchten. So kochte in den großen Kesseln (caldaie) der Buffets den ganzen Tag über Schweinefleisch, Würste, und Rippchen, dazu gab es Sauerkraut und Bier. Auch Gulasch, Knödel, Kartoffel und deftige Suppen standen auf dem Speiseplan. Diese Tradition hat sich erhalten und jedes Buffet pflegt seinen eigenen Stil. Bereits früh morgens wirft Matteo, der Inhaber des Buffet Franceschini in der Via Cesare Beccaria den Ofen an. Spätestens um elf stehen die ersten Kunden vor der Tür des typischen Vorstadt-Buffets und holen sich ihr Mittagessen oder bestellen vor Ort eine deftige Mahlzeit: Prager Schinken, warm vom Knochen geschnitten, Würste aller Art, belegte Brote, Liptauer Käse, eine Spezialität des Hauses – Österreich-Ungarn und Slowenien lassen grüßen. Aber bei Matteo gibt es auch original italienische Gerichte. Bei „Rudy“ in der Via Valdirivo geht es hingegen ausgesprochen rustikal bayerisch zu, mit Schweinshaxe und Spatenbier. Bei Siora Rosa am Rand des Cavanaviertels, einfaches Holzmobiliar, karierte Tischdecken, kehren Studenten und Professoren gleichermaßen ein. In der Vitrine liegen gebratene Fleischklößchen, gebackene Polenta, Bratkartoffeln, Fisch und Gemüse. Eine Besonderheit der Buffets ist, dass man an der Vitrine die Speisen auswählen kann. Jedes Buffet hat seine besonderen Spezialitäten. Eine schicke moderne Buffet-Version bietet das LOCAL mitten in der Altstadt. Von dort sind es nur wenige hundert Meter an die Hafenpromenade, Riva Tommaso Gulli zum Eataly, einem Dorado für Foodies. In einem ehemaligen Weinlager am Hafen untergebracht ist 1902 errichtete Gebäude auch ein architektonisches Highlight. Den Sow-Food-Gedanken, aus dem Eataly entstanden ist, vertreten auch einige Ristroranti der Stadt, darunter das ausgezeichnete Fischlokal „Nero di Sepia“ oder die Osteria Salvagente – hier einzukehren ist nie ein Fehler. Für eine kulinarische Entdeckungsreise eignet sich auch die Via Cavana in der sich eine Bar und ein Lokal an das andere reiht.
Osmize und Karstweine
„Ausgesteckt ist“ – das gilt nicht nur in Franken oder der Steiermark, sondern auch in den Buschenschänken um Triest, genannt Osmize. Die kleinen, nur zeitweise geöffneten Bauernhöfe und Weinkeller liegen vor allem auf dem Karstplateau, das sich bis zur slowenischen Grenze erstreckt. Hier oben weht immer ein frischer, oft Wind, sodass die Triester an heißen Sommertagen gerne hier herauf flüchten und sich einen kühlen Wein gönnen. Der Name Osmiza stammt vom slowenischen osem – „acht“. Im Jahr 1784 erlaubte Kaiser Joseph II. den Bauern hier ihre selbst erzeugten Produkte direkt ab Hof zu verkaufen – ursprünglich für acht Tage. Als Zeichen dafür wurde eine grüne Frasca, ein Zweig, an der Straße oder am Haus aufgehängt. Diese Tradition hat sich bis heute erhalten: Wer eine Frasca sieht, weiß, dass dort gerade eine Osmiza geöffnet hat und dass es hauseigene Produkte wie Schinken, Salami, Käse und oft selbstgebackenes Brot gibt. Die charakteristischen Rebsorten des Karst (carso) sind Vitovska, Malvasia Istriana, sowie die roten Terrano und Refosco. Der Karst ist in schwieriges Weinbaugebiet. Die Böden sind karg und die Erträge gering. Der Regen versickert schnell in dem porösen Kalkstein, dazu fegt die kalte Bora über die Weinberge hinweg und trägt die dünne rote Erdschicht ab. Trotzdem erzeugen einige Weinbauern Spitzenweine, darunter herausragende Namen wie Kante, Zidarich, Skerk und Vodopivec. Wer den Weg in den windigen Karst scheut, hat die Möglichkeit die Spitzenweine in einer Triester Weinbar zu vekosten – eine mit besonders auserlesenem Angebot ist die Weinbar Còntime in der Via Roma.
Klar, man könnte auch auf den Spuren Rilkes, der Schriftsteller Italo Svevo, James Joyce oder Umberto Saba durch Triest wandern. Von Schloss Miramare schwermütig wie einst der Dichter aufs Meer blicken, das weithin gerühmte Meeresmuseum besuchen, aber wir fokussieren uns bei dieser Tour auf kulinarische Erlebnisse und schauen sogar noch über die Grenze ins istrische Trüffelland. Die Qualität der weißen Trüffel ist dort mindestens so gut, wie in Alba.
Weitere Informationen finden Sie hier…
Erleben können Sie eine kulinarische Reise auch mit der Autorin dieses Textes.
Kaffeehauskultur, k.u.k.-Erbe und Trüffel: Eine kulinarische Reise nach Triest – vom 4. bis 8. November 2026
Das Programm finden Sie unter www.klingsöhr-reisen.de
Über den Autor*Innen
Hannelore Fisgus
Hannelore Fisgus ist freie Journalistin, Reporterin und Buchautorin. Sie liebt und berichtet über Italien, Reisen ins Land jenseits des Brenners und die typische italienische Küche.