Die Straßenlaternen beleuchten das unebene Pflaster aus Flusskieseln gerade ausreichend, um nicht zu stolpern. Rechterhand scheinen die Häuser zur Straßenmitte zu kippen, links nach hinten auszuweichen. Torbogen um Torbogen führt die überdachte Straße gefühlt immer tiefer ins Mittelalter. „Hier lag ein florierender Flusshafen, um den das mittelalterliche Ferrara wuchs, erklärt Fremdenführerin Cristina Pirani, den Ursprung der rund zwei Kilometer lange Via delle Volte. Kurvenlos folgte sie dem Wasserlauf des Po: Uferseitig Lagerhäuser, gegenüber Wohnungen und Werkstätten, bogengestützte, überdachte Übergänge erleichterten den Bewohnern den Weg von einer auf die andere Straßenseite. Um die Ecke liegen das einstige jüdische Ghetto oder die Piazza Trento e Trieste. Auf dem Marktplatz wurde die Loggia dei Merciai direkt an die Längsseite des Doms angebaut. Der Säulengang, wo bereits im Mittelalter Händler ihre Werkstätten und Geschäfte hatten, beherbergt noch immer kleine Geschäfte. Die Zeiten, als der Po südlich der Stadt die Via delle Volte entlangfloss sind dagegen lange vorbei, wie Cristina erzählt. Verheerende Überschwemmungen hätten im 12. Jahrhundert zur Verlagerung des Flussbetts nach Norden geführt. Dorthin, wo der längste Fluss Italiens noch heute Richtung Po-Delta fließt und schließlich, auf viele Nebenarme verzweigt, in die Adria der Romagna mündet. Po-Delta und Ferrara sind über die geographische Nähe hinaus vor allem durch die Stadt- und Landschaftsplanung derer von Este eng verwoben.
Das Castello Estense beeindruckt, ein wassergrabenumrundetes Schloss mitten in der Stadt. Einst zum Schutz vor der eigenen Bevölkerung errichtet, die wegen überzogener Steuern zürnte. Ab dem 15. Jahrhundert wandelten die von Este die Fluchtburg zum herzoglichen Wohnsitz. Zeit für ausgedehnte Bautätigkeiten hatte das Adelsgeschlecht allemal. Immerhin lenkte es von 1264 bis 1597 die Geschicke der Stadt und prägte ihr Erscheinungsbild nachhaltig.
„Ferrara ist zweigeteilt, im Süden mittelalterlich, im Norden die Renaissancestadt der Este“, berichtet Stadtführerin Cristina von Ercole I. und seiner an moderne Städteplanung erinnernden Bautätigkeit. Mitte des 15. Jahrhunderts dachte er revolutionär und in großem Maßstab. Beauftragte den Architekten Biagio Rossetti mit der Planung der Stadterweiterung nach Norden. Dort, wo Ercole I. und seinesgleichen bis dato jagten, wurde nach Rossettis Plänen gebaut: symmetrisch, mit axialen Straßen, großzügigen Plätzen und Gärten, beide Stadtteile von einem 13 Kilometer langen, durchgehenden Mauerring umschlossen. Ercole I. habe auch im machtpolitischen Dauerkonflikt mit der Republik Venezien, wortwörtlich, vorgebaut, erklärt Cristina: „Ferrara galt durch die Stadtmauern als uneinnehmbar.“ Ein weiteres Motiv sei wohl eher männlichem Imponiergehabe geschuldet gewesen. Laut Stadtführerin ehelichte Ercole I. mit Eleonora von Aragonien die Tochter des Königs von Neapel und wollte der Angetrauten eine standesgemäße Umgebung bauen. Apropos Stand, ein Händchen für standesgemäße Prachtbauten und den Hang zu prunkvoller Details hatten die Este offenbar.
Das zeigt sich beispielsweise am Palazzo dei Diamanti im Herzen der Renaissancestadt. Ercole I. ließ ihn für seinen Bruder bauen und schmückte die Fassade mit 8500 an Diamanten erinnernde, pyramidenförmigen Quadersteinen aus weißem und rosafarbigem Veroneser Marmor. Nicht rein ästhetisch motiviert, wie die Stadtführerin findet, sondern als „Selbstdarstellung eines Herrschers mit Diamanten im Wappen.“ Langeweile dagegen soll die Este zum Bau ihrer sogenannten „Delizie“ - was mit Wonnen oder Genüsse übersetzt werden kann - animiert haben: Sommerresidenzen fürs Amüsement im Grünen, 54 an der Zahl. Im entfernten Po-Delta oder direkt vor den Stadttoren wie den Palazzo Schifanoia, der den Zweck seines Daseins bereits im Namen trägt: Schifare la noia, die Langeweile verjagen. Heute dient das im Palazzo untergebrachte Museum Kunst- und Historienfreunden als antilangeweile Ort. Eine virtuelle Animation zeigt die Dezlia im Wandel der Zeit, inklusive der Nutzung als Kaserne oder Tabakfabrik. Wobei die Tabakfabrikanten die kunstvollen Fresken im sogenannten Monatssaal schnöde überputzten. Was von den Wandgemälden mit astrologischem Inhalt 1821 wiederentdeckt und konserviert wurde, ist Teil des Museumsrundgangs.
Besonders gut kommt man in Ferrara per Fahrrad von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten. Die Modellstadt der italienischen Renaissance gilt auch als die italienische Fahrradstadt schlechthin, mit Touren zu den Delizie oder auf der ehemaligen Stadtmauer. Eine Stadt, in der jeder statistisch mehrere Fahrräder besitzt und das Fahrrad auch zur Pastaherstellung verwendet wird, wie Federica Dattilo zeigt. Die 33-jährige hat Nudelmachen von der Oma gelernt und bringt Touristen bei, wie Cappellacci gemacht werden. Die an traditionelle Bauernhüte erinnernden, mit Kürbiscreme gefüllten Nudeln werden aus dünn ausgerolltem Teig um zwei Finger gefaltet. „Vorher muss der Teig in gleichgroße Quadrate geteilt werden. Das geht am besten mit dem Fahrrad“, erklärt Federica und schneidet den Teig mit drei über eine Art Ziehharmonika verbundenen Rundmessern – dem sogenannten Fahrrad – erst längs, dann quer. „Ich will regionale Traditionen erhalten“, erklärt sie ihre Motivation.
Traditionen weitergeben möchte auch Pietro Cavalieri d’Oro. Der Naturführer ist rund 50 Kilometer weiter, im Po-Delta zu Hause und Experte für Flora und Fauna der „Valli“ genannten künstlichen Lagunenseen und des dort traditionellen Aalfangs. Still gleitet sein Elektroboot durch das Brackwasser des einst sumpfigen Po-Deltas, das die Este nach ihren Vorstellungen zur Landgewinnung entwässerten und mit schiffbaren Kanälen durchzogen. Ziel ist eine der Fischerhütten, in denen bis Mitte des 20. Jahrhunderts mit traditionellen Methoden Aale gefangen wurden, die anschließend via Kanal per Boot bis in die Fabrik nach Comacchio gebracht wurden. Wo sie zuerst geräuchert und dann, sauer eingelegt, haltbar gemacht wurden. Seit den 1960er Jahren ruht die Fabrikation, lediglich eine kleine Slow Food Manufaktur produziert noch vor Ort den sauer eingelegten Aal. Besucher sehen in der Museumsfabrik in originalen Schwarz-weiß-Aufnahmen Szenen aus dem harten Fischeralltag.
„Die Valli von Comacchio sind Schutzgebiet für viele Vogelarten“, erklärt Pietro während er an einer Flamingokolonie vorbeischippert. Dass das UNESCO Biosphärenreservat Po-Delta meist in einem Atemzug mit der Renaissancestadt Ferrara genannt wird – letztere aufs Jahr genau seit 30 Jahren UNESCO Weltkulturerbe, das Po-Delta nur wenig kürzer – geht auf die gezielte planerische Gestaltung der Este zurück. Deren städte-, landschaftsbauliche oder kulinarische Nachwirkungen lassen sich noch immer mit allen Sinnen erkunden. Neben Renaissancebauten oder saurem Aal, sind die Sandweine aus dem Gebiet Bosco Eliceo ein weiteres Beispiel. Den Geschmack der dort angebauten DOP Weine prägen feuchtes, nebliges Klima, salzige Luft, sandige Böden und die Este: Die autochthone Traubensorte Uva d’Oro, aus der der rote Fortana gekeltert wird, soll Ercole II. 1528 als Mitgift seiner französischen Braut erhalten haben.
Gut zu wissen
Anreise: Mit dem Flugzeug nach Bologna oder Venedig Marco Polo, ab dort mit dem Zug nach Ferrara. Mit dem Auto via Basel, Gotthard, Mailand, Bologna oder via Füssen, Fernpass, Bozen, Verona nach Ferrara.
Ferrara – Comacchio liegen mit dem Auto ca. 45 Minuten entfernt, mit der Bahn rund 1 Stunde 40 Minuten.
Unterkunft: Ferrara: Hotel Touring Ferrara, zentral gelegenes 3-Sterne-Superior Hotel. Zu Fuß sind es wenige Minuten zum Castello, hoteleigene Leihfahrräder. DZ/Frühstück ab 80 € pro Nacht. www.hoteltouringfe.it/en/ Comacchio: Locanda del Delta, Übernachten am Kanal im Herzen von Comacchio. DZ/Frühstück ab 104 €
Kulinarik: Cappellacci herstellen bei Federica im Assapora: www.facebook.com/people/Assapora-pasta-fresca-e-gastronomia/61560874963808/#
DOC Weine aus Eliceo, Konsortium www.consorzioboscoeliceo.it
Weitere Infos: www.inferrara.it / www.visitcomacchio.it/de/ / www.ferraraterraeacqua.it/de/
Über den Autor*Innen
Maren Recken
Maren Recken ist als freie Journalistin mit Videokamera, Fotoapparat und Notizblock unterwegs. Häufig in Italien, am liebsten im Gespräch mit den Menschen vor Ort; auf der Suche nach einer besonderen Story und einem authentischen Reiseziel. Sie veröffentlicht online und in verschiedenen Tageszeitungen, dreht Videos und erstellt Imagefilme. Während und nach ihrem Germanistikstudium hat sie mit verschiedenen privaten Radio- und Fernsehsendern zusammengearbeitet. Bei La Nazione in Florenz hat sie in der Onlineredaktion erlebt, wie Journalismus in Italien funktioniert.