Zwischen Tradition und Frische: Der Kalterersee zeigt Profil

Zwischen Tradition und Frische: Der Kalterersee zeigt Profil - (c) Carola Faber

Es gibt Weine, die mehr sind als ein Produkt. Sie sind Ausdruck eines Ortes, verdichtete Kultur, flüssige Erinnerung. Der Kalterersee gehört zweifellos in diese Kategorie. Gewonnen aus der autochthonen Rebsorte Vernatsch, steht er wie kein zweiter für das Lebensgefühl rund um Kaltern. Wer ihn trinkt, begegnet nicht nur einem Rotwein, sondern einem Stück Identität – gewachsen zwischen Pergeln, gepflegt von Generationen, getragen von Leidenschaft.

Nicht zufällig wird der Kalterersee oft als „Seelenessenz Kalterns“ bezeichnet. Er ist ein Wein, der tief verwurzelt ist in der Alltagskultur der Region. Leicht gekühlt serviert, unkompliziert und doch vielschichtig, öffnet er ein Fenster in die lokale Weinkultur – zugänglich, ehrlich und mit einer stillen Eleganz.

Dass der aktuelle Jahrgang für Aufsehen sorgt, überrascht daher kaum. „Der Jahrgang 2025 für die Schiava stellt wahrscheinlich den besten Jahrgang dieses Jahrtausends für diese Rebsorte dar. Ein Jahrgang, der es schafft, die grundlegenden Eigenschaften der DOC Kalterersee hervorzuheben und zu bewahren: Frische, Trinkigkeit und Vielseitigkeit“, bestätigt Eros Teboni, 2018 „Best Sommelier in the World“ und 2021 bester Sommelier Italiens.

Ein Klassiker mit Tiefe
Die Rebsorte Vernatsch bildet seit jeher das Rückgrat des Südtiroler Rotweinbaus. Als älteste heimische Sorte prägt sie nicht nur die Weinlandschaft, sondern auch das Selbstverständnis einer ganzen Region. Ihre Vielgestaltigkeit zeigt sich im Glas: Farblich bewegt sich der Kalterersee zwischen hellem Rubin und leuchtendem Rot, aromatisch zwischen saftigen Kirschen, frischen Johannisbeeren und feinen floralen Noten.

Am Gaumen bleibt er seiner Linie treu: weich, trocken, mit sanfter Säure und zurückhaltenden Tanninen. Was ihn besonders macht, ist diese Balance aus Leichtigkeit und Struktur. Er wirkt nie schwer, nie überladen – vielmehr animierend, lebendig und stets zugänglich.

Seine Vielseitigkeit zeigt sich auch am Tisch. Vernatsch begleitet mühelos die alpenländisch-italienische Küche: von Antipasti über sommerliche Salate bis hin zu Speck, Wurst und mildem Käse. Auch Klassiker wie Pizza, Pasta oder traditionelle Gerichte wie Plent profitieren von seiner fruchtigen Klarheit. Selbst zu weißem Fleisch oder Fisch beweist er Feingefühl, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

Mehr als ein junger Wein
Ein oft unterschätzter Aspekt des Kalterersees ist sein Reifepotenzial. Bei einer Masterclass im Weingut Manincor, die im Vorfeld der Anteprima stattfand, wurde genau dieser Punkt beleuchtet. Das Ergebnis überraschte selbst Kenner: Der Kalterersee kann reifen – und zwar bemerkenswert gut.

„In der Masterclass hat sich der Kalterersee als hervorragendes Beispiel für Trinkigkeit sowohl bei jungen als auch bei gereiften Jahrgängen erwiesen. Selbst Kalterersee-Weine mit einem Alter von mindestens zehn Jahren zeigten Frische, vor allem aber Stabilität, Stil und Modernität“, erklärt Eros Teboni.

Besonders die Jahrgänge 2018 und 2016 hinterließen Eindruck. Der Kalterersee Quintessenz 2018 der Kellerei Kaltern überzeugte mit präziser Frucht, Saftigkeit und fein integrierten Tanninen. Der Keil 2016 vom Weingut Manincor zeigte sich elegant, mit subtiler Frucht und einem langen, ausgewogenen Abgang. Beispiele, die verdeutlichen: Dieser Wein kann mehr, als ihm oft zugetraut wird.

Bühne für einen Jahrgang
Im historischen Ambiente des Ansitz Windegg rückte schließlich der neue Jahrgang in den Mittelpunkt. Bei der dritten Kalterersee Anteprima präsentierten 21 Produzenten ihre Interpretation des Vernatsch und gaben Einblick in ihre jeweilige Handschrift.

Gerade weil der Kalterersee für seine Frische und Zugänglichkeit bekannt ist, erlaubt eine frühe Verkostung besonders klare Eindrücke. Der Jahrgang 2025 zeigt sich bereits jetzt differenziert: florale Nuancen, präzise Frucht und eine bemerkenswerte Klarheit im Ausdruck.

Auffällig war die Individualität der Weine. Trotz gemeinsamer Herkunft und Rebsorte spiegelte jedes Glas die Philosophie seines Erzeugers wider. Es sind diese feinen Unterschiede, die den Kalterersee spannend machen – und die zeigen, wie viel Persönlichkeit in dieser scheinbar so leichten Stilistik steckt.

Dialog und Herkunft
Neben der Verkostung spielte der direkte Austausch eine zentrale Rolle. „Uns ist es wichtig, dass das Publikum bei dieser Gelegenheit mit den Produzenten ins Gespräch kommen kann, um mehr über den Betrieb und dessen Philosophie, über die Ausrichtung und die jeweiligen Weinstile zu erfahren“, so Sighard Rainer, Präsident der Initiative wein.kaltern.

Dabei wurde einmal mehr deutlich, wie eng der Kalterersee mit seinem Ursprungsort verbunden ist. Die Rebsorte Vernatsch ist nicht nur landwirtschaftliches Kulturgut, sondern prägt auch das Landschaftsbild – insbesondere durch die charakteristischen Pergeln, die seit Jahrhunderten das Erscheinungsbild der Weinberge bestimmen.

„Der Vernatsch ist eine autochthone Rebsorte, die unsere Kultur, unsere Tradition, unseren Alltag und – mit den charakteristischen Pergeln – auch unser Landschaftsbild nachhaltig prägt“, erklärt Sighard Rainer.

Mehr als eine Vorschau
Die dritte Kalterersee Anteprima war damit weit mehr als eine reine Jahrgangspräsentation. Sie wurde zur Bühne für eine Region, die sich ihrer Wurzeln bewusst ist und gleichzeitig den Blick nach vorne richtet. Der Jahrgang 2025 steht exemplarisch für dieses Selbstverständnis: traditionsbewusst, aber nicht stehengeblieben; zugänglich, aber keineswegs banal.

Der Kalterersee bleibt, was er immer war – und entwickelt sich doch weiter. Vielleicht liegt genau darin seine Stärke.

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Über den Autor*Innen

Carola Faber

Carola Faber

Seit mehr als 30 Jahren ist Carola Faber als freie Journalistin sowie Fotografin für verschiedene landesweite Printtitel und renommierte Online-Magazine aktiv. 2010 erhielt sie einen Fotopreis der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung. Außerdem hat sie bei der Hannoverschen Allgemeinen an der Serie "Mein Ausflug" mitgewirkt, der den European Newspaper Award erhielt. Seit 2013 erhielt sie im Rahmen der ITB beim Journalistenpreis Irland regelmäßig einen Platz unter den TOP 10. In Spanien wurde sie mit dem Internationalen Medienpreis der Costa Brava “Counties G! Awards” ausgezeichnet.