Die da in Berlin, was machen die eigentlich so?!

Die da in Berlin, was machen die eigentlich so?! Zu Besuch bei einer Volks-Vertreterin im Bundestag - (c) Lutz Bäucker

Sie ist eine von 630 MdBs, Mitgliedern des Deutschen Bundestages, gewählt von den Bürgern der Bundesrepublik Deutschland. Mechthilde Wittmann aus Kempten vertritt den Wahlkreis 256 Oberallgäu-Lindau im Zentrum der Macht, in Berlin. Die 58jährige sitzt seit 2021 für die CSU im Bundestag. Wie jede(r) Abgeordnete darf sie dreimal im Jahr interessierte Menschen aus ihrem Wahlkreis zu einer politischen Informationsreise in die Bundeshauptstadt einladen. Die Programmgestaltung und die Finanzierung werden vom Bundespresseamt übernommen. Damit sollen Hintergründe und das Verständnis für die politische Arbeit transparent und verständlich gemacht werden. Lutz Bäucker konnte bei einer solchen Informationsreise dabei sein.

Politik immer unter Zeitdruck
Unsere Allgäuer Gruppe besteht aus 40 Frauen und Männern, aus Kempten, Sulzberg, Lauben, Obermaiselstein, Bodolz und Lindau. Landwirte, Handwerker, Unternehmer, Banker, Ärzte, Hausfrauen, Lehrer, auch altersmäßig bunt gemischt und nicht alle haben die CSU gewählt. Aber alle sind neugierig: „Was machen die da in Berlin eigentlich so? Warum ist der Bundestag oft so leer? Wie arbeitet ein Ministerium?“ Undundund. Richard Wucherer, CSU-Ortsvorsitzender und Gemeinderat in Durach nahe Kempten, begleitet uns. Er kennt sich aus in Berlin, ein Jahr lang war er engster persönlicher Mitarbeiter der MdB Wittmann, er hat den Stress, die politischen Zwänge und Möglichkeiten, das Strippenziehen , den Alltag zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz hautnah miterlebt. „Es war sicher eine große und besondere Herausforderung für mich,“ erzählt er,“ man war immer unter Zeitdruck.“ Wucherer erzählt uns natürlich nicht alles, was ihm in Berlin widerfahren ist. Wenn man einmal so nah dran war am Puls der Macht, ist Loyalität wohl selbstverständlich. Das spüren wir beim ersten Höhepunkt dieser Reise, dem persönlichen Gespräch mit Mechthilde Wittmann im Berliner Reichstag. „Sorry für die Verspätung.“  sagt Wittmann, als sie, begleitet von zwei Mitarbeitern, den Raum betritt, „Als gelernte Bankkauffrau, Betriebswirtschaftlerin und Juristin vertraut ihr die Fraktion auf vielen Gebieten. Ihre schnelle Auffassungsgabe, ihre oft scharfzüngige Argumentationsweise macht die gebürtige Münchnerin zu einer Rednerin in der „Abteilung Attacke“. „Ich rede lieber abends als frühmorgens,“ gibt sie zu,“ morgens bin ich noch nicht so kommunikativ.“ Die 40 Allgäuerinnen und Allgäuer grinsen und fragen. Spritpreise, Wohnungsbau, was ist mit der AfD, warum ist der Bundestag oft so leer. Nicht alle Antworten stellen die Frager zufrieden, aber Aug in Aug mit einer Volks-Vertreterin, das hat schon was. Es gäbe wohl noch viele Fragen, doch die Zeit ist begrenzt, für die Abgeordnete, die vom Mitarbeiter bereits auf den nächsten Termin hingewiesen wird, für uns, die wir noch Hintergründe über die Plenarsitzungen erfahren sollen.

Der leere Plenarsaal
Die Sache mit dem leeren Plenarsaal beschäftigt viele aus der Gruppe.“Das sieht im Fernsehen immer so aus, als würden die nix arbeiten und nur ihre schönen Diäten einstreichen,“ sagt Richard Wucherer später und klärt auf:“ Die Hauptarbeit wird in den Ausschüssen erledigt, dort wird verhandelt., diskutiert, formuliert. Irgendwelche Ausschüsse tagen immer, jedes Mitglied des Bundestages ist in irgendwelchen Gremien tätig,oft in mehreren. Immer im Plenum präsent zu sein, ist also gar nicht möglich.“  Wittmann selbst îst viel unterwegs, zwischen Abgeordnetenbüro und Reichstag, manchmal viele Kilometer am Tag, zu Fuß in unterirdischen Gängen. Die Abgeordneten-Diät in Höhe von 11 833 Euro brutto (plus monatliche steuerfreie Aufwandspauschale von 5350 Euro) will verdient sein. Dazu gibt’s einen Freifahrschein für Bahnfahrten erster Klasse und kostenlose dienstliche Inlandsflüge. Außerdem können die Abgeordneten in Berlin die Fahrbereitschaft des Bundestags nutzen.

Dichtes Programm
Leicht erschöpft und auch beeindruckt geht’s für uns weiter im Programm. Besuch am Werderschen Markt, im Haus von Johann Wadephul, dem deutschen Außenminister. Eine Dame vermittelt nüchterne Einblicke in die deutsche Diplomatie, als sie nach persönlichen Erlebnissen ihrer 25jährigen Tätigkeit im „AA“ (Auswärtiges Amt) gefragt wird, wird’s spannend für die Allgäuer:“ Meine Flucht aus der Botschaft in Belgrad, in den Neunziger Jahren, Jugoslawienkrieg, Hals über Kopf, im Auto, das war nicht einfach.“ Jemand aus der Gruppe hat geschäftlich zu tun mit Südafrika:“ Wieviele Mitarbeiter im AA sind zuständig für Südafrika?“ „Einer!“ antwortet die Dame.“ Mit dieser Erkenntnis besuchen wir Ausstellungen im „Tränenpalast“ am früheren Eisenbahngrenzübergang Friedrichsstraße, in der Prenzlauer Kulturbrauerei (DDR -Alltag mit Honeckers „Rückwärts nimmer, vorwärts immer!“), posieren für ein Foto am „Checkpoint Charlie“, stehen ergriffen im Innenhof des Bendlerblocks, wo die Nazis die Verschwörer des 20.Juli 1944 um Stauffenberg ermordeten. Schließlich besuchen wir noch die Reste der Berliner Mauer an der weltbekannten Bernauer Straße, wo 1961 verzweifelte Menschen auf der Flucht schon mal in den Tod sprangen. Viele Eindrücke prasseln auf uns nieder, sie zu verarbeiten fällt nicht jedem leicht.

Currywurst muss sein
Gottseidank gibt’s zwischendrin immer wieder kleine Auszeiten. Die mutmaßlich leckerste Berliner Currywurst am Tiergarten gegenüber dem Brandenburger Tor. Ein Sundowner in der Rooftop- Bar überm Bebelplatz, der Preis dort ist genauso atemberaubend wie das Panorama. Und der abendliche Bummel am Spreeufer, wo man prima „Leute kieken“ kann. Sogar der Heimweg ins Hotel beeindruckt: U-Bahnen und Busse fahren pünktlich und sind sehr sauber. Berlin ist eine Reise wert. Immer.

Info: Wie komme ich mal nach Berlin?
Jede/r Bundestagsabgeordnete kann dreimal im Jahr Besuchergruppen aus ihrem/seinem Wahlkreis nach Berlin einladen. Dafür stellt das Bundespresseamt über 30 Millionen Euro jährlich zur Verfügung. Um in den Genuß dieser politischen Bildung zu kommen, kann sich jeder Bürger im Büro seines/seiner Abgeordneten melden und bewerben. Das Interesse ist groß. 

Über den Autor*Innen

Lutz Bäucker

Lutz Bäucker

Lutz Bäucker ist gern unterwegs. Am liebsten auf dem Fahrrad und zu Fuß. Wahrscheinlich ist sein Beruf schuld daran: fast 35 Jahre als rasender bzw. radelnder Reporter für den BR und den ARD-Hörfunk - das prägt. Lutz gehörte 1990 zu den "Gründungsvätern der kultigen "BR Radltour", noch heute ist er mit Hörern und Zuschauern der Anstalt auf BR-Rad-Reisen on tour. Da der Wahl-Münchner und Wahl-Allgäuer nach wie vor neugierig ist und sich auf alles Neue entlang seiner   Touren freut, bringt er fast immer schöne Geschichten für alle "Radlfreaks" mit.