Wer im Freundeskreis mit Weinwissen punkten möchte oder selbst mal eine Sorte probieren möchte, die eher exotisch ist, greift zur Scheurebe. Noch nie gehört? Kein Wunder. Auf weniger als zwei Prozent der Anbaufläche in Deutschland wird diese Rebsorte angebaut. Die Gründe sind schnell erklärt: „Die Traube ist relativ anspruchsvoll und man kann es auch im Keller so richtig verbocken mit der Scheurebe“, sagt Anna-Barbara Acham vom Weingut Acham-Magin in Forst an der Weinstraße. Doch nicht nur im Keller: Wird die Scheurebe zu früh geerntet, kann sie unangenehm grün, bitter oder sogar „katzenpissig“ werden - ähnlich wie ein äußerst unreifer Sauvignon Blanc.
Schmaler Grat zwischen Genuss und Katzenpisse
Deshalb ist es kein Wunder, dass nur ein paar Hundert der rund 15.000 haupt- und nebenberuflichen Winzer bundesweit sich trauen, die Scheurebe anzubauen und zwar vor allem in Rheinhessen, der Pfalz und in Franken und ein paar Betrieben an der Nahe und in Hessen. Auch die Hessischen Staatsweingüter Kloster Eberbach, mit rund 180 Hektar Deutschland größtes Weingut, hat auf einem Hektar Scheurebe angebaut. Kellermeister Sascha Huber erklärt, weshalb: „Der Sohn des Züchters der Scheurebe hat bei uns gearbeitet. Und wir haben natürlich auch den Anspruch, ein möglichst breites Angebot an Wein zu bieten. Und da gehört die Scheurebe dazu.“
Große Reife und Exotik
Wenn der Kellermeister es – um mit Barbara Acham zu sprechen – nicht verbockt, dann schmeckt die Scheurebe intensiv aromatisch, fruchtig und hat ein ausgeprägtes Bukett. Sie lässt sich am ehesten als eine Art deutscher Sauvignon Blanc mit mehr Reife und Exotik beschreiben, allerdings ohne die stark grün-paprikaartigen Noten.
Die Scheurebe stellt ähnlich hohe Ansprüche an den Standort wie der Riesling: Sie bevorzugt geschützte, warme Lagen und verträgt trockene, karge Böden gut, kommt aber auch mit Löß- und kalkhaltigen Böden zurecht (die sind typisch für Rheinhessen). Sie ist starkwüchsig, reift ein paar Wochen vor dem Riesling und liefert mittelhohe Erträge. Nachteile: Sie ist empfindlich gegenüber Winterfrost und Edelfäule.
Scheurebe als säurearme Alternative zum Riesling
Als die 200 Winzer des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) in Mainz im April 2026 ihre Weine des Vorjahres präsentierten, waren auch einige Scheureben dabei. Am Gaumen schmecken die meisten saftig, körperreich und haben eine klare, rassige Säure, allerdings nicht so stark ausgeprägt wie beim Riesling. Dominierend ist meistens schwarze Johannisbeere, teilweise auch Grapefruit, Limette oder sogar ein Hauch Mandarine.
Genuss bereits ab neun Euro
Sebastian Schäfer vom Weingut Joh. Bapt. Schäfer in Rümmelsheim hat Scheurebe inzwischen auf vier Prozent Anbaufläche erhöht. Die Flasche kostet rund elf Euro und Scheurebe ist bei ihm immer schnell ausverkauft. Das Kloster Eberbach nimmt für die Flasche 12,50 Euro und das Weingut Pfeffingen 13,50 und 45 Euro für den Jahrgang 2022 mit dem Label „O“. Der Staatliche Hofkeller in Würzburg bietet den 2025er „Scheurebe VDP.Gutswein trocken“ bereits für 9,70 Euro an. Das Weingut zur Schwane in Volkach am Main nimmt für seine Scheurebe elf Euro und Laible aus Durbach rund 20 Euro. Es ist also für jeden Geschmack und Tiefe des Portemonnaies etwas dabei. Weitere VDP-Mitglieder, die Scheurebe anbieten, sind unter anderem das Juliusspital Würzburg, Bickel-Stumpf, Gregor Schwab, Hans Wirsching, Schloss Proschwitz und Wagner-Stempel.
DNA bringt Licht ins Dunkel
Wer für ein Weintasting noch ein paar Infos benötigt, um klug zu klingen, kein Problem. Hier die Fakten zu der Rebe: Die Scheurebe wurde 1916 vom Rebenzüchter Georg Scheu an der Landesanstalt für Rebenzüchtung in Alzey in Rheinhessen gekreuzt. Ursprünglich galt die Scheurebe als Kreuzung aus Riesling und Silvaner, doch spätere DNA-Analysen haben ergeben, dass es sich tatsächlich um eine Kreuzung von Riesling und der Bukett-Traube handelt, die wiederum eine noch ältere Kreuzung aus Silvaner und Trollinger ist. Wohl bekomm’s.
Übrigens: Im vergangenen Jahr hat Thomas Rentschler für den Genussfreak Chardonnays von VDP-Winzern verkostet. Hier finden Sie seinen Bericht…
Über den Autor*Innen
Thomas Rentschler
Thomas Rentschler ist im Schwarzwald aufgewachsen und hat nach einer kaufmännischen Ausbildung bei einer Nachrichtenagentur und auf der Akademie für Publizistik in Hamburg das journalistische Handwerkszeug erlernt und anschließend sowohl als festangestellter Reporter und Redakteur sowie freier Mitarbeiter unter anderem für die Nachrichtenagentur dpa, Zeitungen (Financial Times Deutschland, taz, WAZ, Welt am Sonntag), Zeitschriften (Focus, MAX, Wirtschaftswoche), Hörfunk (Deutschlandfunk, Korean Broadcasting System, NDR, Radio Zürisee, WDR) und TV (MDR) im In- und Ausland (Schweiz, Spanien u